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Stadion schafft Stadtentwicklung

Feynoord City in Rotterdam ist kein herkömmliches Architekturprojekt: Aus dem Auftrag zum Neubau eines Fußballstadions entstanden, legen die Architekten von OMA einen Masterplan zur Neubelebung eines ganzen Stadtviertels vor. CORPUS traf den verantwortlichen Architekten David Gianotten.

Der tägliche Nutzen von Architektur steht für das von Rem Koolhaas mitbegründete Office for Metropolitan Architecture (OMA) im Mittelpunkt: Die Architekten sind bekannt für ihre innovativen und intelligenten Herangehensweisen und Formen, doch vor allem sollen ihre Bauten Teil der Gesellschaft sein. Dass dieser Anspruch oftmals über das Verständnis traditioneller Architektur hinausgeht, beweist aktuell das Projekt Feynoord City in Rotterdam. Während OMA ursprünglich damit beauftragt wurde, das in die Jahre gekommene Stadion des Fußballclubs Feyenoord zu erneuern, gingen die Architekten einen Schritt weiter: Rund um Managing Partner David Gianotten entwickelten sie einen Vorschlag, der neben dem Stadion ein komplett neues Wohnviertel, Einkaufsmöglichkeiten und öffentliche Plätze einschließt. Sie erreichten so die breite Zustimmung, die frühere Pläne eines renovierten oder neugebauten Stadions nicht erlangen konnten – denn nun ging es um die Entwicklung eines ganzen Gebietes. Neben guten Verkehrsanbindungen und beruflichen Perspektiven vor Ort bietet der Masterplan einen direkten Zugang zu Bildungseinrichtungen, vereinfacht und verkürzt so alltägliche Wege und verstärkt soziale Strukturen. Ein neues Stadion mit 63.000 Sitzplätzen soll dabei die Stadtentwicklung des sozial schwachen Viertels Rotterdam Zuid vorantreiben. Dazu zählt auch ein umfangreiches Rahmenprogramm zur Sportförderung über mehrere Stadtviertel hinaus. Doch auch das alte Stadion wird integriert – es soll saniert und umgewandelt werden. So schafft es Platz für Wohnungen, Gewerbeflächen und ein Leichtathletik-Sportzentrum. Neben einem Park und weiteren Wohneinheiten ist für das Projekt die Urban Bridge in Planung, eine verkehrsberuhigte Promenade, die auch Verbindung zu anderen Vierteln bietet. Feyenoord City umfasst 180.000 m2 an Wohnflächen, außerdem können sich ein neues Kino, Restaurants, Hotels und Geschäfte auf 64.000 m2 Gewerbefläche ansiedeln – und 83.000 m2 öffentlicher Raum bietet viel Platz für sportliche Aktivitäten.

Integriert statt isoliert: Um das neue Stadion herum soll wertvoller städtischer Lebensraum entstehen. (Copyright OMA)
Die direkte Anbindung ans Wasser schafft attraktive Bedingungen – für Wohnbebauung und Gewerbe gleichermaßen. (Copyright OMA)

Dass dabei neben der Stadt Rotterdam eine private Organisation wie Feyenoord das Projekt vorantreibt, ist im weltweiten Vergleich nicht ungewöhnlich: In den USA, Australien und Asien formieren sich private und unternehmerische Initiativen als Schwunggeber für die städtische Entwicklung. In den Niederlanden befindet sich diese Herangehensweise noch am Anfang. Laut Gianotten muss sich das aktuelle Stadtmodell schnell anpassen: „In Amsterdam leben etwa 13 Prozent der Bevölkerung im Zentrum und in Rotterdam etwa 8 oder 9 Prozent. Zahlen, die sich in Richtung 40 Prozent bewegen müssen. Denn Menschen sind nicht mehr bereit, über große Entfernungen zu pendeln“, erläutert der Architekt. Umso wichtiger also, dass Städte sich den sozialen Entwicklungen anpassen – und auch Architektur- und Designstudios den sozioökonomischen Kontext mit in Betracht ziehen, um lebenswerte Städte zu erschaffen. „Wenn die Auswirkungen eines Gebäudes auf diesen Kontext bereits in der Planung berücksichtigt werden, lässt es sich nachhaltig in seine Umgebung einbetten“, so der Niederländer.

Ich denke, dass sich Architektur nicht mehr nur um Schönheit und Ästhetik drehen wird, sondern dass es um Initiative, um den Anstoß, um Innovation gehen wird – neben Ästhetik.

 

David Gianotten
Das Stadion in Rotterdam steht für ein Stück nationale und internationale Fußballgeschichte. Der Neubau will diesem Erbe gerecht werden und wird das gesamte Viertel prägen. (Copyright OMA)

OMA ist international dafür bekannt, gesellschaftliche Themen in die architektonischen Überlegungen mit einzubeziehen. Das renommierte Architekturbüro rund um Pritzker-Preisträger Rem Koolhaas arbeitet oft mit Gegensätzen, die durch innere Strukturen und Raumaufteilungen nahezu selbstständig Einfluss auf Umgebung und Umfeld haben. Während OMA innerhalb der Grenzen von Architektur und Urbanismus agiert, bearbeitet der angeschlossene Thinktank AMO Projekte weit über architektonische und städtebauliche Themen hinaus. Das Forschungs- und Designstudio setzt sich mit gesellschaftlichen Fragestellungen, wie z. B. Soziologie oder erneuerbaren Energien und Technologie auseinander. OMA wird heute neben Rem Koolhaas und David Gianotten von sieben weiteren Partnern geleitet und hat außer dem Hauptbüro in Rotterdam Standorte in New York, Peking, Hongkong, Doha, Dubai und Perth.

Der MPavilion ist eine temporäre Struktur, die Rem Kolhaas und David Gianotten mit ihrem Team 2017 im australischen Melbourne realisiert haben. Der Pavillion soll die Menschen einladen und als „kulturelles Labor“ fungieren. Mitten in den Queen Victoria Gardens gelegen, bietet er Platz für Aufführungen und Events. In den zwei Tribünen – eine davon beweglich – und den fließenden Übergängen von innen nach außen finden sich Anklänge an antike Amphitheater.. (Credits: 1: Copyright OMA. 2: Photograph by John Gollings, Courtesy of MPavilion. 3: Photograhy by Timothy Burgess. 4: Copyright OMA)

CORPUS traf David Gianotten in Amsterdam beim Frame Lab, dem innovativen Forum rund um Design, Architektur und zukünftige Entwicklungen, und sprach mit dem Managing Partner von OMA über die Entwicklung neuer Materialien und das perfekte Projekt – das auch in einer perfekten Welt niemals ohne Regeln gebaut werden könnte.

CORPUS: Was treibt Sie als Architekten an?

DAVID GIANOTTEN: Unser Hauptantrieb ist die Gesellschaft. Wir wollen Innovation in unsere gebaute Welt einbringen, etwas in dem Menschen leben und arbeiten, in dem sie atmen können. Das ist keine einfache Aufgabe, da wir oft direkt für 50 oder 100 Jahre bauen, aber trotzdem sozialen Zusammenhalt schaffen wollen – soziale Systeme, die sich innerhalb unserer Pläne und Gebäude selbst erneuern können.

CORPUS: Beziehen Sie weitere Nachhaltigkeitsaspekte neben den gesellschaftlichen Funktionen von Architektur mit ein – z. B. ökologische Aspekte oder besondere Materialien?

DAVID GIANOTTEN: Wir nutzen eine Menge nachhaltiger Materialien. Mit BASF arbeiten wir gemeinsam in einem Programm, in dem wir als Architekten die Möglichkeiten haben, genau zu sagen, was wir uns von einem Material wünschen – und BASF testet es, so dass wir auf diesem Weg neue Materialien erschaffen. Wir arbeiten immer mit der aktuellsten Technologie, die oft noch nie im Bereich Architektur genutzt wurde. So entwickeln wir gerade ein Glas, das Energie aus Sonnenlicht gewinnen kann – und gleichzeitig das Innere vor Blendung schützen kann. Hierfür werden unterschiedliche Techniken eingesetzt, z. B. Technologien aus dem Windradbau bis hin zu besonderen, in Farbe verwendeten Chemikalien. Techniken zu kombinieren, die es bereits gibt, ist für uns ebenso wichtig: Es geht nicht nur darum, Erfinder zu sein, sondern auch das clever einzusetzen, was bereits existiert, wie das Wissen anderer Berufszweige, und dies auf neue Art zu kombinieren und anzuwenden.

Der Neubau der Shenzhen Stock Exchange ist eines der Großprojekte, die David Gianotten während seiner Zeit in Asien geleitet hat. Charakteristisch für das Gebäude ist das 36 Meter über dem Boden schwebende „Podium“, das mit lang gelernten architektonischen Mustern bricht. Die durchscheinende und doch dunkle Fassade verändert sich mit Wetter und Licht, so dass ein beinahe kristalliner Effekt geschaffen wird. (Image courtesy of OMA; photography by Philippe Ruault)

CORPUS: Sie sind von Europa nach Asien gezogen. Was haben Sie aus Architekturperspektive aus Asien mitgebracht?

DAVID GIANOTTEN: Im Vergleich zu Europa sind Eigeninitiative und Geschwindigkeit in Asien sehr verschieden. Aber du wirst als Profi angesehen – dir wird Vertrauen im Entscheidungsprozess entgegen gebracht und dadurch kannst du entscheiden, wie schnell Dinge vorangehen und welchen Techniken genutzt werden sollen. Anstatt weiter an Ausschreibungen teilzunehmen haben wir begonnen, unsere eigenen Initiativen zu schaffen –eine Einstellung, die häufiger in Asien anzutreffen ist.

CORPUS: Könnte man sagen, dass es einfacher ist, revolutionäre und zukunftsweisende Architektur in Asien zu erschaffen?

DAVID GIANOTTEN: Ja.

CORPUS: Nachdem wir nach Asien geschaut haben, interessieren wir uns für Projekte in den USA – wie ist das Arbeiten dort?

DAVID GIANOTTEN: Die USA sind ebenfalls ein wichtiger Markt für uns, auch dort entwickeln wir gemeinsam mit Unternehmen Produkte. Wenn der Anstoß aus einem technischen Blickwinkel kommt, ist alles möglich. Unsere Strategie dort ist, dass wir zunächst Herangehensweisen im Kleinen ausprobieren, und daraus entsteht dann das große Gebäude. In Europa sind die Verfahren so festgelegt, dass das so nicht möglich wäre. Man muss hier eine innovative Idee direkt vor einem großen, allumfassenden Hintergrund präsentieren, damit deren Vorteil direkt klar wird.

David Gianotten beim Frame Lab 2018 (Photography by Felix Strosetzki)

CORPUS: Wenn Sie in einer idealen Welt ohne Baubeschränkungen leben würden: Was wäre Ihr ideales Projekt und wie würden Sie es entwickeln?

DAVID GIANOTTEN: Das wäre unmöglich! Jedes Projekt lebt von seinen Beschränkungen, seinen Regeln und den Umständen. Ein Projekt ohne Kontext ist kein Projekt. Die Projekte, die wir aktuell bearbeiten, sind allerdings ziemlich ideal: Sie geben uns jede Menge Kontext, und dadurch werden auch die Lösungen interessanter und in Hinblick auf die Zukunft auch nachhaltiger. In einer idealen Welt hätte ich also niemals ein Projekt ohne Beschränkungen.

CORPUS: Wo sehen Sie Architektur in zehn Jahren?

DAVID GIANOTTEN: Ich denke, dass sich Architektur nicht mehr nur um Schönheit und Ästhetik drehen wird, sondern dass es um Initiative, um den Anstoß, um Innovation gehen wird – neben Ästhetik. Das ist eine jetzt schon zu beobachtende Veränderung. Es wird außerdem nicht so personenbezogen sein wie jetzt, denn in den letzten 30 Jahren ging es immer um große Namen. Nun werden große Ideen alles entscheiden.

Biographie 
David Gianotten studierte Architektur und Bautechnik an der Eindhoven University of Technology – heute ist er dort als Professor tätig. Zunächst arbeitete er bei SeARCH in den Niederlanden, bevor er 2008 zu OMA wechselte. Dort gründete er 2009 das Büro in Hongkong und wurde 2010 Managing Partner von OMA. Außerdem ist er Direktor von OMA Asia, geschäftsführender Partner der Büros in Hongkong und Peking sowie einer der beiden Geschäftsführer der Niederlassung von OMA in Australien. Seine vielfältigen Projekte reichen u. a. neben Feyenoord City vom Taipei Performing Arts Center über das CCTV Hauptgebäude in Peking, das KataOMA Resort in Bali bis hin zum New Museum for Western Australia.

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