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Zukunftsweg: Auf zwei Rädern durch die Stadt

Unsere Städte werden immer smarter. Als einer der Vorreiter gilt dabei Kopenhagen. Steen Savery Trojaborg, CEO des Architekturbüros DISSING+WEITLING, berichtet wie der Geist der Stadt seine Arbeit prägt – und sie auch international beeinflusst.

Kurzbiografie
Sein Architekturstudium hat Steen Savery Trojaborg an der Hochschule für Architektur der Königlich Dänischen Kunstakademie absolviert. Als Mitglied der Danish Association of Architects begann er 1981 seine Karriere bei CBA architects + planners, bevor er 1984 zu DISSING+WEITLING wechselte. Dort stieg er 2002 als Partner ein und ist außerdem seit 2011 Managing Director des über 40 Mann starken Büros. Trojaborg hat zahlreiche Bauprojekte realisiert und dabei diverse Brückenbauten mit verwirklicht – für die DISSING+WEITLING international bekannt ist: Von der Fahrradbrücke Cykelslangen bis hin zu großen Straßenbrücken, wie dem in 2017 eröffneten Queensferry Crossing.

„Smart Cities“ nutzen digitale Infrastrukturentwicklungen, treiben die Mobilität und Zugänglichkeit im urbanen Raum voran oder stellen Umweltfreundlichkeit und Ressourcenschonung nach vorn. Ziel der intelligenten Städte: Trotz wachsender Bevölkerung das urbane Leben effizienter und vor allem lebenswerter zu gestalten.

Das Konzept zur Klimaneutralität in Kopenhagen ist besonders nachhaltig – 2025 will es erste CO2-neutrale Hauptstadt der Welt sein. Teil dieses Plans: Die Fahrrad-Strategie. Seit 2015 gilt Kopenhagen als fahrradfreundlichste Stadt weltweit – das Fahrradfahren ist hier selbstverständlicher Teil des Alltags. Das liegt vor allem daran, dass die Stadt es ihren Bewohnern leicht macht, auf zwei Rädern von A nach B zu kommen. Gezielte Infrastrukturmaßnahmen unterstützen diese Pläne – von smarten Verkehrsampeln bis hin zu mehreren Fahrradbrücken. Besonders bekannt ist die aus Stahl gebaute, 235 Meter lange „Cykelslangen“: Die Fahrradschlange. Im Hafen von Kopenhagen verbindet sie das Fisketorvet Einkaufszentrum mit der Bryggebro Brücke.

Konstruiert wurde sie von den Architekten von DISSING+WEITLING – deren Büro inmitten des vom Lebensgefühl Fahrradfahren erfüllten Kopenhagen zu finden ist. CEO Steen Savery Trojaborg spricht mit CORPUS darüber, wie die orangefarbene Brücke die Zukunftsstrategie einer Stadt verkörpert und dadurch über ihre Grenzen hinaus wirkt.

 

 

CORPUS: Herr Trojaborg, Kopenhagen plant, bis 2025 CO2-neutral zu sein: Ist die Cykelslangen Teil dieser Bestrebungen?

STEEN SAVERY TROJABORG: Das Projekt ist Teil von Kopenhagens Fahrrad-Strategie – einfach gesagt: Die fahrradfreundlichste Stadt der Welt zu sein. Das Besondere an Kopenhagen ist, dass wir so viele ausgewiesene Fahrradwege haben und dass die Menschen hier zu 50% das Fahrrad nutzen, um jeden Tag von A nach B zu kommen. Man kann sicher sagen, dass das für unsere Stadt sehr gesund ist.
 

CORPUS: Die Cykelslangen ist längst nicht das größte Projekt, das Sie realisiert haben – aber sehr wohl ein besonderes. Wie hat alles angefangen?

STEEN SAVERY TROJABORG: Wir haben eine Ausschreibung der Stadt Kopenhagen gewonnen. Die Idee einer Brücke existierte bereits, aber wie konnten sie weiterentwickeln und funktional noch verbessern. Während dieses Prozesses veränderte sich die Bedeutung der Brücke: Anstatt nur eine Verbindung zwischen zwei Punkten zu sein, sollte sie einen echten Mehrwert für die Stadt und die Menschen schaffen. Wenn ein Projekt einen solchen Mehrwert bietet, kann die Stadtverwaltung das dafür vorgesehene Budget anpassen – so wird eine gute Idee nicht dadurch verhindert, dass man an der vorherigen Planung festhält. Wir haben eng mit dem Sadtarchitekten zusammengearbeitet und 2013 sogar den “Raise the Bar”-Preis der Stadt Kopenhagen gewonnen.

Die Fahrradschlange: In Kopenhagen spannt sich die Brücke „Cykelslangen“ über das innere Hafenbecken.
Vor ihrem Bau mussten Radfahrer große Umwege in Kauf nehmen, oder das Rad streckenweise über mehrere Treppen tragen.
Die „Cykelslangen“ schließt an die Bryggebro Brücke an und verbindet sie mit dem Fisketorvet Einkaufszentrum.
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Verlässliche Verbindung

Brückensanierung ist vielerorts dringend notwendig – doch Sperrungen für die Bauarbeiten setzen die umgebende Infrastruktur unter Druck. Ein Projekt in Luxemburg zeigt, dass es auch anders geht.

CORPUS: Können Sie beschreiben, was die Cykelslangen so einzigartig macht – als Konstruktion, aber vor allem für die Menschen, die sie nutzen?

STEEN SAVERY TROJABORG: Wir hatten mit der Cykelslangen nie das Ziel, etwas Extravagantes oder gar Ikonisches zu bauen. Aber dann ging das Projekt viral und so ist unsere “Fahrradschlange” nun wohl eine “nicht-ikonische ikonische Brücke”. Natürlich wollten wir etwas Funktionales und zugleich Attraktives schaffen, aber auf den Erfolg der Brücke waren wir überhaupt nicht vorbereitet. Ich denke einer der Gründe für ihre Beliebtheit ist der Wunsch vieler Großstädter nach diesem lässigen, unbeschwerten Fahrradleben. Die Kombination aus dem Design und der Tatsache, dass eine Stadt ein solches Projekt finanziert – das empfinden viele Menschen durchaus als besonders.

Der Bau der 8 km langen Fahrradbrücke in Xiamen, China, orientiert sich an der dänischen „Cykelslangen“ – bezieht jedoch die besonderen Straßenverhältnisse vor Ort mit ein.

CORPUS: Sie haben auch einen 8km langen Fahrradweg im chinesischen Xiamen realisiert – konnten Sie dabei von der Erfahrung mit der Cykelslangen profitieren?
 

STEEN SAVERY TROJABORG: In beiden Fällen haben wir uns natürlich auf architektonische Aspekte konzentriert – aber genauso auch auf den Akt des Radfahrens an sich und darauf, wie man ihn möglichst angenehm gestaltet. Dafür müssen alle Kurven und Neigungen genau richtig gestaltet sein. Der Stadtarchitekt von Kopenhagen sagt, dass die Menschen auf der Cykelslangen immer lächeln. Weil man einerseits an Land ist, im nächsten Moment über Wasser fährt – und es sich gut und sicher anfühlt. Sicherheit war auch in China ein großes Thema und es war wichtig, dass wir bereits unsere Vorkenntnisse einbringen konnten. Dazu muss man wissen, dass in Kopenhagen jeder weiß, wie man Fahrrad fährt. Wir tun es täglich, meistens um zur Arbeit zu kommen. In Xiamen dagegen nutzen die Menschen das Fahrrad hauptsächlich am Wochenende. Dort ist unser Fahrradweg der erste seiner Art. Man braucht zunächst die Infrastruktur, erst dann kann die Verhaltensänderung folgen – aber es ist ein guter Anfang.

1: Die 235 m lange „Cykelslangen“ ist allein den Fahrradfahrern Kopenhagens vorbehalten.
2: Wie die Fahrradschlange ist auch die benachbarte Bryggebro Brücke von DISSING+WEITLING entworfen worden – allerdings bereits im Jahr 2006.

CORPUS: War es schwierig, den Fahrradweg in Xiamen an die Stadt und ihre Bedingungen anzupassen?

STEEN SAVERY TROJABORG: Wir mussten in Xiamen verschiedene Ebenen miteinander verbinden. In Kopenhagen findet alles ebenerdig statt und selbst die Cykelslangen bringt einen nur auf einer Ebene von Ort zu Ort. In Asien ist das anders. Deshalb konnten wir unser Modell aus Kopenhagen nicht eins zu eins übernehmen, denn ein ebenerdiger Radweg wäre dort nicht sicher. Also haben wir ihn mit einem ganzen System von Treppen, Brücken, Bussen und Aufzügen verbunden. Auf dieser erhöhten, zweiten Ebene findet so viel Leben statt, es hat fast etwas Futuristisches. Als ich den Radweg in Xiamen das erste Mal ausprobierte, musste ich mich wirklich an die Fahrtgeräusche und das Hupen der Autos unter mir gewöhnen – aber schließlich fühlte es sich sicher an.
 

1: Neben dem Fisketorvet-Einkaufszentrum sind nun auch der Fischmarkt, ein Freibad und weitere Anziehungspunkte deutlich besser zu erreichen. 2: Die integrierte Beleuchtung sorgt auch bei Nacht für Übersichtlichkeit und ermöglicht so ein sicheres Fahrraderlebnis. 3: Rutschfest und farbenfroh: Der Kunststoffbelag der Brücke wurde mit eingefärbtem Quarzsand bestreut, um Reibung zu erzeugen und so ein Wegrutschen der Reifen zu verhindern. 4: „Cykelslangen“ bringt die Menschen nicht nur von A nach B, sondern steht für das Lebensgefühl einer ganzen Stadt.

CORPUS: Wenn wir zum Schluss noch einmal auf Ihre Stadt blicken – gibt es etwas, das Sie verändern würden?

STEEN SAVERY TROJABORG: In Kopenhagen müssen wir mit einer Menge Regen zurechtkommen. Wie können wir damit umgehen und die Stadt gleichzeitig grüner machen? Wie können wir Grün und Vielfalt in die Stadt integrieren? Das finde ich sehr wichtig. Wenn ich mich umschaue, sehe ich all diese ungenutzten Flächen zwischen den Gebäuden. Es ist vielleicht ein sehr einfacher Gedanke, aber ich hoffe, dass die Menschen irgendwann all diese kleinen Grünflächen als Gärten nutzen können. Man braucht auch eine gewisse Dichte in der Stadt, die Nähe schafft – sonst sind Fahrräder für die täglichen Wege nicht zu gebrauchen. Deshalb mag ich Projekte wie die Cykelslangen: Sie bringt einen nicht nur von A nach B, sondern sie tut etwas für die ganze Stadt.
 

CORPUS: Mr. Trojaborg, wir bedanken uns für das Gespräch.

Kopenhagen plant, bis 2025 CO2-neutral zu sein – und setzt dafür unter anderem auf seine Fahrrad-Strategie: Seit 2015 gilt Dänemarks Hauptstadt als fahrradfreundlichste Stadt der Welt.

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